Hier prallen Interessen aufeinander

Rheininsel: Mitarbeiter des Forsts Baden-Württemberg und Mitglieder des  Umwelstammtischs beantworten Fragen der Bürger / Naturschutz schränkt Nutzung ein

Der strahlend blaue Himmel konnte nicht über die frostigen Temperaturen hinwegtäuschen. Über die Köpfe der rund 60 Bürger, die sich auf den Weg über die Ketscher Rheininsel machten, fegte an diesem Morgen überdies ein kalter Wind. Dennoch waren sie gut gelaunt und erwartungsfroh, denn schließlich sollte es um „ihre“ Insel gehen.

Matthias Ihrig vom Umweltstammtisch Ketsch, der eigens vor zwei Jahren eine Themengruppe „Ketscher Rheininsel“ ins Leben gerufen hat, begrüßte die vielen Interessenten an den Geschicken des Naturschutzgebietes, bevor Dr. Dieter Münch und Norbert Krotz die Führung übernahmen. Der Leiter des Kreisforstamtes sowie der zuständige Revierförster erinnerten bereits wenige Meter nach dem Gehege der Wildschweine an den „Spagat“, welchen die Forstwirtschaft zwischen Wirtschaftlichkeit, Freizeitverhalten, Naturschutz und öffentlichem Interesse insbesondere in einem Gebiet wie der Rheininsel zu bewältigen habe. Immerhin verbinden sich hier ein Naturschutzgebiet mit einem Vogelschutzgebiet, sowie einem Flora-Fauna-Habitat (FFH-Gebiet). Damit gibt es viele Einschränkungen der Nutzung – für Forst und die Besucher. So war gewiss, dass die beiden Vertreter der Forst BW sich auch kritischen Fragen stellen mussten.

Zunächst erläuterten sie die Notwendigkeit, Wege breit genug anzulegen, Rückegassen zu schaffen und Lichtraumprofile zu schneiden. Der mit Steinen versehene Weg sei ein wichtiges Detail im Klimagefüge, so Dr. Münch, denn durch seine Wärmespeicherfunktion könnten hier auch Tiere und Pflanzen existieren, die im Inneren des Waldes, im Schatten, keinen Lebensraum finden könnten. Als Beispiel führte er das Hohe Veilchen an, welches hier in einer Population von rund 30 Pflanzen entlang des Wegrandes vorkommt. Um diese zu fördern, werden Robinien und Haselnussbüsche in den nächsten Tagen weiter zurückgeschnitten. Für die Teilnehmer eine drastische Maßnahme.

„Wir wollen den Wald nicht erschließen, sondern das Waldinnenklima verbessern,“ so Dr. Münch auf die Nachfrage, warum dies früher anders gehandhabt wurde. Der Kreisforstamtsleiter verwies auf die Expertise von Biologen des Regierungspräsidiums, die hier bescheinigten, dass es wichtig sei, die Sträucher möglichst massiv zurückzudrängen. „Wir haben aber auch Wege, die unbearbeitet bleiben“, so Norbert Krotz, der erneut betonte, dass die Wertigkeit des Waldes an seiner Vielfalt gemessen wird. „Würden wir hier nichts machen, wäre die Viola in ein paar Jahren weg.“

Einschlag dient der Förderung

Für viele der Teilnehmer der Tour war es dennoch nicht nachvollziehbar, dass erst kurz vor Beginn der Brutzeit, geschnitten werde. In Privatgärten sei dies ab dem 01. März verboten. Förster Krotz betonte, dass das Wetter günstig sei, „aber wenn ich Bedenken hätte, dass hier beispielsweise schon Schnepfen brüten, dann hätten wir das nicht so terminiert.“ Viele Fragen gab es auch beim Waldeinschlag. Dr. Münch wehrte diese mit dem Gedanken der Wirtschaftlichkeit ab. „Es hilft nichts, die Nutzung eines Naturgutes von vornherein abzulehnen – dafür gibt es Konzepte, wie Nationalparks oder Bannwälder.“ Man arbeite naturverträglich und hachhaltig, doch jeder wolle Möbel, Toitettenpapier, Heizmaterial oder einen neuen Dachstuhl. Der Erlös ginge an das Finanzministerium. Man sei jedoch frei in der Umsetzung, in Ketsch bedeute dies, in zehn Jahren17000 Festmeter Holz einzuschlagen. „Wir werden aber bei 87 Prozent landen“, so Dr. Münch. Der Einschlag sei aber auch wichtig, um Wildobstsorten und Eschen zu fördern. Gerade letztere hätten wieder an Bedeutung gewonnen, weil sie als Habitate für andere Arten gelten. 8000 Eichen habe man gepflanzt, damit auch künftige Generationen 200- oder 300-jährige Exemplare bestaunen können.

Ein weiteres Beispiel der nachhaltigen Arbeit stellten die Forst-BW-Vertreter auch anhand der wilden Orchideen und Reben vor. Es gelte, diese auch künftig zu schützen und in ihren natürlichen Bereichen zu stärken.

SZ vom 28.02.2018 (Mitarbeiterin Anke Koob)

-Manuela-